Maik`s geblogge: Die Frauen, die Schwulen und die Emma.
Samstag, 23. Juni 2007
Die Frauen, die Schwulen und die Emma.
Auf der Homepage der Emma ist folgender Text erschienen, der bei mir einige Fragen aufwirft:


`` EIN BRIEF

Lieber schwuler Freund!


Ein paar Jahre ist es gut gegangen mit uns. Wir haben uns zusammengerauft und ein paar wichtige Sachen zusammen durchgekriegt, die Homo-Ehe zum Beispiel oder das Antidiskriminierungsgesetz. Wir hatten eine Art friedliche Koexistenz - über die Dinge, die uns trennen oder über die wir unterschiedlicher Meinung sind, haben wir geschwiegen. Du hast dich zwar immer noch gewundert, warum wir Frauen so oft unendlich lang Rotwein trinken und bei Kerzenschein reden, bevor wir miteinander ins Bett gehen. Und ich blieb irritiert darüber, wie und warum du auf Klos und hinter Büschen mit irgendwelchen Typen vögelst, die du nicht kennst. Aber egal. Dein Ding.
Ab und zu war ich sauer, weil immer nur du in den Medien vorkommst. Die "Schwulenehe", die "Schwulenproteste" in Russland, die schwulen Bürgermeister von Hamburg, Berlin, Paris. Ihr als hübsche, hippe, gestylte Jungs. Und im Krimi ist der Mörder immer noch die Lesbe. Aber gut. Die Klischees und unsere schlechte PR in eigener Sache konnte ich nicht dir persönlich verübeln.

Unser einvernehmliches Schweigen darüber, dass ihr Männer seid und wir Frauen - was durch die einen oder anderen Crossdresser und Genderswitcherinnen immer mal wieder verwischt wird - und darüber, was das in einer immer noch patriarchalen Gesellschaft bedeutet, funktionierte so lange, wie es aufwärts ging mit der Sache der Frauen.

So lange auch wir in der Politik, an den Unis und sogar in der Wirtschaft zunehmend Fuß fassten, konnten wir die fundamentalen Streitigkeiten der 70er ruhen lassen, an deren Ende sich schon damals die zwischen Frauen- und Schwulenbewegung hin- und hergerissenen Lesben schließlich für ihre (weiblichen) Schwestern entschieden hatten. Mit gutem Grund.

Jetzt stellen wir an den Unis die Mehrheit, haben eine Kanzlerin und eine Familienministerin, die nichts Geringeres einfordert als einen radikalen Rollenwechsel der Männer. Und wie das immer so ist, wenn einer gesellschaftlichen Gruppe der Stuhl unterm Hintern weggezogen wird - in diesem Fall einer sehr mächtigen: den Männern - folgt der Backlash auf dem Fuße. Und das ist nun der Moment, lieber schwuler Freund, wo du Farbe bekennen musst. Und das auf einem Feld, dem du, aus naheliegenden Gründen, sehr ambivalent gegenüberstehst: auf dem der Prostitution und der Pornografie.

Uns macht gerade eine zunehmende öffentliche Degradierung und Entwürdigung von Frauen auf breiter Front zu schaffen. Das fängt an bei superangesagten Rap-Texten, in denen weibliche Wesen überhaupt nur noch als "Nutten" vorkommen, die man fickt und anschließend wegschmeißt wie ein Stück Scheiße. Es geht weiter mit dem Porno-Regal in deiner Stammvideothek, in dem nicht nur deine Schwulenpornos mit den gutgebauten Sahneschnitten stehen, sondern vor allem weibliche platinblonde Silikonmonster als "spermageile Bumslöcher" tituliert werden.

Ein Regal weiter dann Computerspiele namens "Rotlicht Tycoon", in denen derjenige Punkte kriegt, der seine Mädels am gewinnbringendsten auf den Strich schickt. Die Konsumenten all dessen können das Ganze dann in echt bei der Gang Bang Party im Pascha nachstellen. Mit "devoten" Frauen, die behaupten, dass sie drauf stehen. Oder sie können bei den Frauen mitmachen, die die ebenfalls sehr beliebten "Lesbenspiele" im Repertoire haben.

Die Frauen tun das freiwillig? Stimmt. Frauen tun vieles "freiwillig": Sie bleiben "freiwillig" jahrelang bei ihren prügelnden Ehemännern. Sie hungern sich "freiwillig" zu Tode. Das Ganze hat System, verstehst du?

Ich schildere das so ausführlich, weil ich nach den Ereignissen der letzten Wochen den Verdacht habe, dass du eben nicht verstehst, was es für mich heißt, wenn ich neuerdings in der Kölner U-Bahn ein Plakat sehe, auf dem das Logo des Sommerblut-Festivals in friedlicher Eintracht mit dem Pascha-Logo steht.

Mag sein, dass du Porno und Gang Bang geil findest. Als Fantasie, als Inszenierung, als was auch immer. Mag sein, dass der Schritt von deinem anonymen Sex im Park zum Bezahlen für eine "sexuelle Dienstleistung" nicht weit und dir daher nicht so fremd ist.

Aber worauf es jetzt ankommt bei der Frage, ob wir unsere friedliche Koexistenz aufrecht erhalten können, ist, dass du den Unterschied begreifst. Den Unterschied, den es macht, ob da zwischen zwei Gleichen gespielt wird oder ob es da ein Machtgefälle gibt. Den Unterschied, den es macht, ob du dich als ein Angehöriger des objektiv starken Geschlechts hingibst oder meinetwegen auch "unterwirfst" - oder ob das eine Frau tut, weil sie es schon immer tun musste. Das eine ist - im besten Fall - eine Erweiterung des Rollenspektrums. Das andere der Rückfall in die ohnehin vorgesehene und gelebte Demütigung.

Ist vielleicht zugegebenermaßen nicht ganz leicht für dich, weil du eben Anmache durch einen Mann als Rollenbruch goûtieren kannst und sie nie als aggressiven Akt erfahren musstest, der unschöne Folgen haben kann. Weil du vielleicht zu denen gehörst, bei denen ihre eigene Diskriminierungserfahrung zur "Toleranz" gegenüber allem und jedem geführt hat. Oder zu denen, die sich so ausschließlich in einer reinen Männerwelt bewegen, dass sie die Entwürdigung von Frauen nicht mehr interessiert.

Du, lieber schwuler Freund, musst dir jetzt überlegen, wo du dich verortest. Willst du dich wirklich auf die Seite deiner heterosexuellen Geschlechtsgenossen schlagen und uns in schöner Männereintracht Lustfeindlichkeit und Zickentum vorwerfen? Es täte mir Leid, wenn ich dich abschreiben müsste. Eigentlich auch für dich. Denn bisher konntest du auf mich zählen.


Deine Chantal``

Was sagt Ihr dazu?
Könnte mir vielleicht irgendjemand erklären, was Chantal hier konkret von uns will?

Anlass für diesen Brief war offensichtlich der Disput zwischen den schwulen und lesbischen Mitgliedern des CSD-Komitees in der Frage, ob das Bordell ``Pascha`` auf dem diesjährigen CSD mitlaufen sollte.
Mal ganz abgesehen davon, daß auch ich die Teilnahme eines Heteropuffs an einem CSD für sehr fragwürdig halte, geht es Chantal hier um die generelle Beziehung zwischen Frauen und homosexuellen Männern.

Dabei sieht sie in dem Umgang der Schwulen mit ihrer Sexualität das eigentlich Trennende.
Und da kann ich nicht verstehen, was Chantal hier konkret von uns will.
Ich würde ehrlich gesagt soweit gehen zu sagen, daß es Frauen grundsätzlich nichts angeht, wie Schwule ihre Sexualität leben.

Schließlich kommen sie ja nicht darin vor.
Chantal erinnert uns ja in ihrem Brief daran, daß schwule Pornografie Teil einer Industrie ist, die auch Produkte hervorbringt, in denen die Erniedrigung von Frauen dargestellt wird.

Damit hat sie ja Recht; allerdings Frage ich mich, was sie jetzt von uns erwartet.
Sollen Schwule jetzt die Sexshops der Nation meiden, damit die alle pleite gehen und die heterosexuellen Neurotiker mit Vergewaltigungsfantasien keine Bezugsquellen mehr für ihren Dreck haben?

Wenn man sich in einem durchschnittlichen Sexshop umsieht und mal darauf achtet, wie das Mengenverhältnis zwischen Homo- und Heteroprodukten aussieht, wird man sich sehr schnell der Vergeblichkeit dieses Vorhabens bewusst.
Das Rückrad der Pornoindustrie sind nicht die Schwulen.

Genauso wenig sind wir die größten Fans frauenverachtenden Sprechgesangs.
Ich darf nur mal daran erinnern, daß Bushido auf seiner aktuellen CD ein ``Lied`` veröffentlichen wollte, in dem er zur Vergasung aller Schwulen auffordert.
Das konnte zwar noch durch eine Anzeige des LSVD verhindert werden, ist aber bei den meisten Schwulen nicht vergessen.
Von daher glaube ich nicht, daß er einen schwulen Fanclub hat oder will.

Sicher unterscheidet sich die schwule Sexualität von der ihrer weiblichen Freunde, was bei einigen Frauen schon zu schockierenden Erkenntnissen bezüglich ihrer Busenfreunde geführt hat.
Schwule Sexualität ist nun mal keine weibliche sondern durch und durch männliche und da wir, im Gegensatz zu Heteros, in dem Ausleben unserer Sexualität keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Frauen nehmen müssen, können wir sie mitunter etwas freier ausleben.

Zumindest war das bisher der Fall.
Da es sich jetzt die Emma auf die Fahnen geschrieben hat, nach der Übernahme des Kanzleramtes durch eine Frau, jetzt auch die Hoheitsrechte über die Sexualität der Schwulen zu übernehmen, könnte sich das bald ändern.


Ebenfalls augenscheinlich in Chantals Brief ist, daß sich die Emma in der Distanzierung von den Schwulen merklich in Richtung CDU bewegt.
Da werden Bundeskanzlerin und Familienministerin als Vorkämpferinnen einer feministischen Revolution dargestellt ungeachtet der Tatsache, daß sie Vertreterinnen einer weiterhin männlich dominierten Partei sind und zumindest die Merkel auf sehr männliche Weise an die Spitze gekommen ist und eine typische Vertreterin machtpolitischer Ignoranz geworden ist.

Eine Ignoranz, die zumindest geschlechtslos, vielleicht sogar männlich geprägt ist.
Das hat sich ja gerade beim G8-Gipfel gezeigt.
Die unter der Überschrift ``Schutz des geistigen Eigentums`` stehende Bekämpfung der Verbreitung kopierter Aidsmedikamente wird viele Kranke treffen, von denen wahrscheinlich eine ganze Menge Frauen sein werden.

Die Ansteckungsgefahr von Frauen ist nun mal grösser als von Heteromännern.
Solidarität, Mitleid oder Empathie von Seiten der Kanzlerin?
Keine Spur!
Aber das scheint die Emma ja weniger zu interessieren.
Hauptsache wir haben eine Bundeskanzlerin.

Auch die Familienpolitik der CDU wird mir hier zu beiläufig goutiert.
So ist doch z.B. das Elterngeld ein Instrument zur Umverteilung von unten nach oben, da es ja teilweise durch Streichung von Erziehungsgeld bei sozial schwachen finanziert wurde.

Wie steht die Emma dazu?
Hat sich die Situation allein erziehender Mütter durch Angela Merkel gebessert?

Die Überbewertung des Geschlechts des Regierungschefs durch Alice Schwarzer war ja schon im Wahlkampf mehr als peinlich.

Die von mir sehr geschätzte Maren Kroymann hat damals, nachdem man ihr mit Verweis auf Alice Schwarzen ganz beiläufig eine Affinität zu Angela Merkel unterstellte gesagt, daß es ihr als Feministin um mehr geht, als zwei Brüste und ne Vagina ins Kanzleramt zu bringen.

Es gab auch mal Zeiten, in denen es der Emma um mehr ging.
Und da könnten die Frauen mal was von den Schwulen lernen.
Ich kenne keinen Schwulen, der es als grossen Fortschritt empfinden würde, wenn Guido Westerwelle Vizekanzlerin wird.

Bevor sich die gute Chantal hier über Prostitution ausläßt und von uns solidarisches Verhalten verlangt, sollte sie sich mal überlegen, daß man nicht nur seinen Körper verkaufen kann.

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Letzte Aktualisierung: 2008.02.11, 14:48
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